Das Land zeigt, wie berufliche Orientierung gelingen kann
Zur aktuellen Bertelsmann-Studie „Ausbildungsperspektiven 2025“ erklärt die Vorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Jeannine Rösler:
„Jedes Jahr werden laut Bundesagentur für Arbeit auch in Mecklenburg-Vorpommern etliche Jugendliche als ‚unversorgt‘ gemeldet. Sie hatten nach dem Schulabschluss weder einen Ausbildungsplatz noch ein Studium aufgenommen. Dahinter verbirgt sich eine vielschichtige Problematik im Übergangssystem zwischen Schule und Beruf: Einige Jugendliche finden keinen direkten Anschlussweg in Ausbildung oder Studium, weil ihnen entweder Informationen, Unterstützung oder strukturelle Zugänge fehlen.
Das Bildungsministerium unseres Landes hat auf diese Herausforderungen reagiert und mit dem neuen Konzept ‚Alle werden gebraucht!‘ ein umfassendes und verpflichtendes Modell schulischer Beruflicher Orientierung eingeführt, das ab dem kommenden Schuljahr landesweit greift. Ziel ist es, junge Menschen frühzeitig, systematisch und kontinuierlich auf berufliche Entscheidungen vorzubereiten. In der Kita sollen Kinder erste Erfahrungen mit verschiedenen Tätigkeiten und Berufsbildern sammeln – spielerisch und kindgerecht. In der Grundschule folgen Projekttage. In der Sekundarstufe schließen sich Potenzialanalysen, Betriebserkundungen und Gespräche mit Auszubildenden an. Ab Klasse 8 absolvieren alle Schülerinnen und Schüler ein 25-tägiges Betriebspraktikum, ab Klasse 9 kommt ein wöchentlicher Praxislerntag hinzu – verbindlich und in den Unterricht eingebettet. Auch an Gymnasien wird die Studien- und Berufsorientierung deutlich gestärkt. Damit soll die Gleichwertigkeit akademischer und beruflicher Bildungswege sichtbar und erlebbar werden.
Selbstverständlich bringt eine so tiefgreifende Reform auch Herausforderungen mit sich. Viele Schulen und Betriebe unternehmen große Anstrengungen, die Praxislerntage zu organisieren. So gilt es etwa, Fragen nach der Beförderung, der Unterrichtsverknüpfung, Firmenbeteiligung und Betreuung gemeinsam zu klären. Auch die pädagogische Einbindung aller Lehrkräfte bei knappen Personalressourcen ist eine Kraftanstrengung. Doch wir sagen: Dies alles ist zu bewältigen – wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Schulen, die frühzeitig in regionale Netzwerke investieren, Eltern einbinden und kreative Lösungen finden, machen bereits heute vor, wie es klappen kann.
Die Bedeutung dieser Maßnahmen wird durch die aktuelle Bertelsmann-Studie ‚Ausbildungsperspektiven 2025‘ eindrucksvoll unterstrichen. Sie macht deutlich, dass fast jeder fünfte Jugendliche nach dem Schulabschluss kein Ausbildungsverhältnis eingeht, sondern ohne berufsqualifizierenden Abschluss direkt in den Arbeitsmarkt eintritt. Unter Jugendlichen mit niedriger Schulbildung ist es sogar fast jeder Vierte. Die Folge: Die Zahl junger Erwachsener ohne formalen Berufsabschluss nimmt weiter zu – aktuell sind es bundesweit bereits 2,86 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 34 Jahren. Diese Menschen tragen ein überdurchschnittliches Risiko für Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und Armut. Besonders alarmierend: Mehr als die Hälfte der Befragten findet sich im ‚Informationsdschungel‘ zur Berufswahl nicht zurecht, es fehlt an persönlicher Begleitung und strukturierten Übergängen. Für viele erscheint eine Ausbildung wirtschaftlich nicht attraktiv. Andere scheitern an Bewerbungen oder trauen sich den Einstieg in die Berufswelt schlichtweg nicht zu.
Die Bertelsmann-Studie kommt daher zu einem klaren Fazit: Die bestehenden Herausforderungen sind gravierend – aber durch gezielte Strukturreformen lösbar. Mecklenburg-Vorpommern ist mit dem Konzept ‚Alle werden gebraucht!‘ auf einem richtigen Weg. Entscheidend ist nun die konsequente Umsetzung in Schulen, Betrieben und regionalen Netzwerken.“
