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Quo vadis, maritime Wirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern?

PressemeldungenAus dem Landtag

Situation der Werften an der Ostseeküste

Auf der Maritimen Konferenz „Die Küste brennt – die maritime Wirtschaft unserer Küstenländer zwischen Flaute und frischer Brise“, veranstaltet von den Fraktionen der fünf Küstenländer, Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, der Bundestagsfraktion, der Fraktionsvorsitzendenkonferenz (FVK) DER LINKEN sowie der Fraktion GUE/NGL im Europäischen Parlament, führte der Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE im Landtag Mecklenburg-Vorpommern, Helmut Holter, u.a. aus: 

„In Mecklenburg-Vorpommern gab es nach der Wende einen tief greifenden Strukturwandel, der zugleich mit einem raschen technologischen Wandel in nahezu allen Wirtschaftsbereichen weltweit zusammenfiel. Nach der turbulenten Privatisierung und Sanierung der Schiffbaubetriebe sind an der Ostseeküste die modernsten Werften Deutschlands entstanden. Bis zum Beginn der Krise Ende 2008 stammten immerhin zwei Drittel aller Exporte des Landes im verarbeitenden Bereich aus dem Schiffbau. Fast 40 Prozent aller Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe kamen aus dem Schiffbau.

Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich der Umsatz im Schiffbau in Mecklenburg-Vorpommern von 1,6 Mio. im Jahr 2008 auf 0,8 Mio. Euro halbiert. Dieser Rückgang war noch stärker als im bundesdeutschen Durchschnitt.

Der Marktanteil des Schiffbaus in Mecklenburg-Vorpommern am deutschen Schiffbauumsatz hat sich von 22 Prozent auf 18 Prozent reduziert. Gleichzeitig brachen die Aufträge weg. Die Möglichkeiten der Finanzierung von Schiffsneubauten haben sich erheblich verschlechtert. Engpässe bei der Liquidität wurden immer größer. Viele Unternehmen reagierten mit Kurzarbeit und auch mit Entlassungen.

Bei den Werften der Hegemann-Gruppe in Stralsund und Wolgast ist es Anfang 2009 zu einer sehr kritischen Situation gekommen, weil die Finanzierung von Schiffbauobjekten wegbrach. Geschäftsanteile der Hegemann-Werften wurden auf einen Treuhänder übertragen, Landes- und Bundeshilfen in Form von Darlehen und Bürgschaften waren notwendig, ein Sanierungskonzept wurde auf den Weg gebracht, und Geschäftsführung und Gewerkschaften einigten sich auf einen Sanierungsvertrag.

Die ehemaligen Wadan-Werften gingen in die Insolvenz. Heute arbeiten nur noch etwa 700 Leute auf den Nordic Yards in Wismar und Rostock-Warnemünde. 2700 Beschäftigte waren es auf beiden Standorten vor der Insolvenz. Etwa 260 Unternehmen waren bzw. sind direkt oder indirekt von der Auftragslage beider Standorte abhängig.

Hinter diesen Zahlen stehen menschliche Schicksale, Familien. Jede Werftarbeiterin, jeder Werftarbeiter, jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter in den Zuliefer- und Dienstleistungsunternehmen, die ihre Arbeit verlieren, sind zu viel.

An der Küste geht ein Stück Schiffbaugeschichte zu Ende. Dabei war in den Monaten und Wochen bis zum endgültigen Auslaufen der Transfergesellschaft immer wieder Hoffnung aufgekeimt – für die Beschäftigten, ihre Familien und für die Standorte. Doch letztlich fehlt es nach wie vor an finanzierten Schiffbauaufträgen. Millionenbürgschaften des Staates und Zugeständnisse der Gewerkschaften, der Kolleginnen und Kollegen, reichten nicht aus, um die Weiterbeschäftigung direkt auf den Werften zu sichern.

Ohne Frage liegt die Verantwortung zuerst beim Werfteigner. Er muss für neue Aufträge sorgen, er muss die gegebenen Zusagen einhalten. Verantwortung liegt aber auch bei der Bundes- und Landesregierung. Es wäre ein Machtwort der Kanzlerin erforderlich, das es bis heute nicht gibt. Dabei hat sie ihren Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern und ist meines Erachtens der Region besonders verpflichtet. Es wurde zu wenig Druck auf die Banken ausgeübt, die ihrerseits von milliardenschweren staatlichen Rettungspaketen profitiert haben.

Die Landesregierung hat aus unserer Sicht zu spät reagiert, sie war nicht vorbereitet auf die sich immer weiter zuspitzende Situation, die sich schon lange andeutete.

Stattdessen hielt sich die Landesregierung am Prinzip Hoffnung fest und harrte der Dinge. Die Linksfraktion hat immer wieder gefordert, den Erhalt der maritimen Standorte in Wismar und Warnemünde zur Chefsache zu machen und mit einer Stimme gegenüber der Bundesregierung zu sprechen. Wir haben uns vehement dafür eingesetzt, dass die Laufzeit der Transfergesellschaft im Interesse der Beschäftigten mehrfach verlängert wurde. Ende Juli dieses Jahres kam das endgültige Aus für die Beschäftigungsgesellschaft. Viele Kolleginnen und Kollegen waren davon betroffen. Entweder haben sie eine andere Beschäftigung in der Region oder in anderen Bundesländern gefunden, oder es blieb ihnen der bittere Gang zur Arbeitsagentur nicht erspart.

Die Ursachen für die Krise der Werftindustrie sind vielfältig. Es wäre zu einfach, die Schuld allein in der Finanz- und Wirtschaftskrise zu suchen. Es gab Versäumnisse und Fehler im Management, falsche Unternehmensstrategien. Forschung und Entwicklung wurden zu sehr vernachlässigt. Und nicht zuletzt fehlten auch politische Strategien für zukunftsfähige strukturelle Veränderungen. Hinzu kommt, dass Erkenntnisse von Experten aus der Wissenschaft und gute Erfahrungen anderer Schiffbauländer, wie z.B. Schweden, lange ignoriert wurden. Sie traten in den Hintergrund, weil über Jahre hinweg der Weltschiffbaumarkt boomte.

Jetzt kommt es darauf an, die richtigen Schlussfolgerungen aus den Fehlern zu ziehen und Versäumtes nachzuholen. Nicht nur die Branche selbst, auch die Politik ist gefordert, Antworten für die Zukunft der maritimen Industrie zu finden, die Entwicklung nicht allein dem Markt und dem Selbstlauf zu überlassen.

Ziel muss eine nachhaltige, zukunftsfähige und umweltgerechte maritime Industrie sein. Dazu brauchen wir dringend ein Umsteuern im Rahmen eines integrierten Ansatzes – wie ihn auch die Gewerkschaften dringend einfordern. Wir brauchen ein innovationsbezogenes maritimes Konzept.

Allein wenn wir uns die riesigen Umweltherausforderungen der Schifffahrt und der Meere vor Augen halten, dann sehen wir große Chancen, die sich den Werften, den Zulieferbetrieben und den Reedern, aber auch den Forschungseinrichtungen eröffnen. Wir sind überzeugt, der Schiffbau bleibt langfristig gesehen eine Schlüsselindustrie, weil er in technologieorientierten Marktsegmenten angesiedelt ist. Wie gesagt, bei uns im Land gehören die Schiffbaubetriebe zu den modernsten.

Zum maritimen Bereich zählt viel mehr als die Werften. Er umfasst alle Wirtschaftszweige, deren Wertschöpfungsgrundlage das Meer ist. Das sind selbstverständlich die Hafenwirtschaft, der Schiffsverkehr, der Fischfang, die Nutzung des Meeres zu Erholungs- und Urlaubszwecken, die Schiffselektronik, Navigationssysteme, maritime Umwelttechnologien, Offshore-Technologien, Unterwassersysteme und vieles mehr. Insbesondere die maritimen Unternehmen einschließlich der Zulieferindustrie sind auf die Anwendung modernster Technologien und einen langfristigen Bedarf ausgerichtet. Die Unternehmen haben Potenzial für weiteres Wachstum und Beschäftigung.

In Forschung und Entwicklung brauchen wir wesentlich mehr und neue Kapazitäten, u.a. für Produktverbesserungen und -neuentwicklungen, für die Optimierung von Produktionsprozessen, für neue verbrauchs- und schadstoffarme Antriebssysteme.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern allein kann nicht dafür sorgen, die notwendigen Rahmenbedingungen zur Entwicklung der maritimen Industrie zu schaffen. Das kann nur mit einer langfristig ausgerichteten, zwischen den Akteuren abgestimmten und verlässlichen Industriepolitik in Deutschland und Europa erreicht werden.

Gerade darin, d. h. in der engen Kooperation von Unternehmen und Staat, liegen nämlich die entscheidenden Wettbewerbsvorteile der Konkurrenz in Südostasien.

Damit ich nicht falsch verstanden werde, die Verbindung von Unternehmenspolitik und einer zukunftsorientierten Industriepolitik darf nicht per se „Subventionierung“ bedeuten. Da gab und gibt es gerade im Schiffbau auch Fehlentwicklungen. Schiffe wurden beispielsweise auch durch die Wettbewerbshilfen künstlich verbilligt. So befindet sich der Markt seit Jahrzehnten im Ungleichgewicht.

Auf europäischer und internationaler Ebene sind vor allem starke Initiativen in der maritimen Umwelttechnik und zur Durchsetzung von weltweiten Sicherheitsstandards erforderlich. Industrie- und verkehrspolitische Weichenstellungen sind besser miteinander abzustimmen. Forschung und Entwicklung sind gezielt zu fördern.

Seit Jahren ist eben nicht zu erkennen, wie die Unterstützung von Forschung- und Entwicklungsanstrengungen wirklich ins Zentrum der maritimen Industriepolitik rückt. Die bisherigen Programme reichen nicht aus, um die Rückstände in den Schlüsselbereichen wettzumachen, sie reichen nicht aus, um auf strategisch wichtigen Feldern wieder die Technologiespitze zu erreichen.

Die Krise im Schiffbau ist längst nicht bewältigt. Der deutliche Rückgang des Welthandels wirkt immer noch nach. Allein 2009 ist der Umsatz aller deutschen Werften um 41 Prozent eingebrochen. Gleichzeitig haben wir es seit Jahren mit äußerst schwierigen Wettbewerbsbedingungen zu tun, die bestimmt sind durch die staatlich hoch subventionierte Schiffbaukonkurrenz in Südkorea und China. Es gibt mittlerweile durch den Bau neuer Werften in Asien heute mehr als doppelt so viel Schiffbaukapazität, als eigentlich benötigt wird. Außerdem haben China und Südkorea in den letzten Jahren verstärkt auch eigene riesige Zulieferkapazitäten nach Lizenznahmen aus Westeuropa geschaffen.

Einer der größten Knackpunkte aber ist die Finanzierung von Schiffsneubauten, von Schiffbau-Projekten. Immer weniger Banken sind bereit, das mit Schiffbauaufträgen verbundene finanzielle Risiko zu tragen. Das gilt sogar dann, wenn das Risiko durch staatliche Absicherung auf bis zu 10 Prozent abgesenkt ist. Viele Banken haben ihren Kreditbestand im Schiffsgeschäft deutlich reduziert. Sie lassen kaum noch Spielräume für neue Schiffsfinanzierungen und Schiffsbeteiligungen. Diese schlechten Rahmenbedingungen führen natürlich auch zur Vergabe von Aufträgen nach China, wie z.B. Windparkschiffe. Ohne ausreichende und passende Finanzierungsmöglichkeiten wird die Auftragsbeschaffung der Werften nicht funktionieren. Der Spezialschiffbau braucht auch eine Spezialfinanzierung.

Es gibt dringend Handlungsbedarf, der u.a. darin besteht, zunächst alle beihilferechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen. Wir brauchen weiterhin Überbrückungsdarlehen und Bürgschaften. Die maximale Bürgschaftsquote für Bürgschaften des Bundes und des Landes wurde von 80 Prozent auf 90 Prozent angehoben. Das war richtig und dies muss vorerst auch weiterhin möglich sein.

Wir brauchen weiterhin Maßnahmen, die die Liquidität unterstützen, und wir brauchen eine gezielte Förderung von Forschung, Entwicklung und Innovation. Sowohl für die Werften selbst als auch für die Zulieferbetriebe. Aus Ideen müssen noch schneller als bisher marktfähige Produkte und Dienstleistungen werden. Die viel beschworene Technologieoffensive des Landes ist endlich mit Leben zu erfüllen, so ist beispielsweise eine maritime Industrieforschungseinrichtung in Rostock unverzichtbar für uns als Schiffbauland.


Wir müssen uns an den Werftstandorten aber auch strukturell neu aufstellen und die industrielle Diversifizierung im gesamten Land weiter voranbringen.

Dafür gibt es durchaus gute Voraussetzungen:

- eine Infrastruktur mit modernen leistungsfähigen Seehäfen und Verkehrsverbindungen,

- gut ausgebaute Gewerbestandorte, oftmals mit direktem Hafenanschluss, (Maritimes Gewerbegebiet im Rostocker Seehafen, Gewerbegebiet in der Wismarer Kanalstraße),

- moderne Fertigungstechnologien,

- verschiedene Netzwerke und weltmarktfähige Unternehmen, die in Erweiterung investieren

- und nicht zuletzt eine durchaus moderne Technologie- und Forschungslandschaft, deren Kapazitäten aber noch ausgebaut werden müssen, um wirkliche Standortvorteile zu sichern.


Wir müssen uns im Schiffbau auf Zukunftsfelder und Nischen konzentrieren. Das sind ohne Frage Spezialschiffe, z.B. eisbrechende Schiffe aber auch innovative Binnenschiffe, schwimmende Produktionsstätten, spezielle Versorgungs- und Forschungsschiffe, Offshore-Plattformen, Hafenausrüstungen oder umwelttechnische Ausrüstungen.

Neben dem Schiffbau sehen wir in Mecklenburg-vorpommern die Zukunft in Bereichen wie den Energie- und Umwelttechnologien, der Biotechnologie und Medizintechnik, der Plasmatechnologie sowie den Informations- und Kommunikationstechnologien.

Die Krise im Schiffbau bewältigen, industrielle Wertschöpfung im Land erhöhen und maritime Arbeitsplätze sichern – das gelingt nur gemeinsam, mit den Sozialpartnern, mit der Wirtschaft, mit der Wissenschaft und mit der Politik.

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