Kranke sind keine Drückeberger – Merz‘ Debatte über Krankheitstage ist ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten

Torsten KoplinPressemeldungen

Zu den aktuellen Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz, der die hohe Zahl der Krankheitstage in Deutschland kritisiert und eine Debatte über die Arbeitsmoral sowie mögliche Verschärfungen bei Krankschreibungen angestoßen hat, erklärt der gesundheitspolitische Sprecher der Linksfraktion, Torsten Koplin:

 „Es ist bezeichnend, dass Kanzler Merz die Ursachen für die wirtschaftliche Schwäche des Landes nicht in einer verfehlten Investitions- und Wirtschaftspolitik sucht, sondern bei denjenigen, die den Laden jeden Tag am Laufen halten. Wer die Zahl der Krankheitstage allein als wirtschaftliches Bremsmanöver betrachtet, blendet die Lebensrealität in den Betrieben völlig aus.
In Mecklenburg-Vorpommern arbeiten überdurchschnittlich viele Menschen in körperlich und psychisch hoch belastenden Berufen – sei es in der Pflege, im Handwerk oder im Tourismus. Dass die Krankenstände steigen, ist kein Zeichen mangelnder Motivation, sondern ein deutliches Alarmsignal für chronische Überlastung, Personalmangel und einen immer weiter steigenden Leistungsdruck. Wer krank ist, gehört ins Bett und nicht an den Arbeitsplatz. Wer das Gegenteil suggeriert, handelt unverantwortlich und provoziert, dass Krankheiten verschleppt werden und Beschäftigte am Ende dauerhaft ausfallen.
Anstatt eine Neiddebatte zu schüren und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter Generalverdacht zu stellen, muss die Bundesregierung endlich die Ursachen für den hohen Krankenstand bekämpfen. Wir brauchen keinen Druck auf Kranke, sondern eine Stärkung des Arbeitsschutzes und der betrieblichen Gesundheitsvorsorge. Wer die Menschen länger im Arbeitsleben halten will, muss Arbeitsbedingungen schaffen, die nicht krank machen. Deshalb hat Rot-Rot im Land auch den Präventionspreis aus der Taufe gehoben, um diesem Thema die notwendige öffentliche Beachtung zu schenken. 
Solche Debatten, in denen durchschnittlich knapp 3 Wochen Krankheit im gesamten Jahr als das größte Übel der Volkswirtschaft dargestellt werden, zeugen auch von absoluter Unkenntnis über die Situation vieler Menschen. Gerade Familien und Alleinerziehende mit kleinen Kindern haben in der Infektsaison alle Hände voll zu tun, überhaupt ihrer Arbeit nachzugehen. Dafür werden Freunde und Familie für die Betreuung der kranken Kinder eingespannt oder unbezahlte Stunden im Homeoffice geleistet. Diese Menschen als die Simulanten abzustempeln, ist eine absolute Frechheit.  
Die Rhetorik des Kanzlers folgt zudem einer reinen Verwertungslogik, in der der Mensch nur noch als Kostenfaktor zählt. Das ist ein weiterer Baustein in einem Kurs des Sozialabbaus, dem wir uns entschieden entgegenstellen. Der Schutz der Gesundheit darf nicht dem Profit oder einer vermeintlichen Produktivitätssteigerung geopfert werden. Meine Fraktion bleibt dabei: Ein starker Sozialstaat und gute Arbeitsbedingungen sind das beste Rezept für eine gesunde Wirtschaft – nicht Misstrauen gegenüber den Beschäftigten.“