Danke für nichts: Wenn beim Hautkrebs die Finanzen wichtiger sind als der Mensch
Zur geplanten Gesundheitsreform und dem darin enthaltenen Wegfall des Hautkrebsscreenings erklärt der gesundheitspolitische Sprecher der Linksfraktion im Landtag Mecklenburg-Vorpommern, Torsten Koplin:
„Wer nicht testet, findet auch nichts. Und wer nicht findet, muss dafür auch keine Finanzen bereitstellen. Offenbar ist das das neue Credo der Bundesregierung zu den Vorschlägen der Expert:innenkommission. Hautkrebs ist eine der häufigsten Krebserkrankungen, frühe Erkennung verbessert die Heilungschancen massiv und trotzdem wird genau bei dieser lebensrettenden Vorsorge gekürzt. Dass ausgerechnet die von der Bundesregierung eingesetzte Expert:innenkommission einen solchen Rückschritt ins letzte Jahrhundert empfiehlt, macht die Sache nicht besser. Diese Kommission hat mit einzelnen Vorschlägen, wie der Zuckerreduzierung, immerhin gezeigt, dass sie grundsätzlich weiß, in welche Richtung echte Prävention gehen muss. Beim Hautkrebs verabschiedet sich die Bundesregierung jetzt aber vom Ansatz der Primärprävention. Statt Vorsorge zu stärken, wird der Zugang zur Früherkennung eingeschränkt, obwohl wir seit Jahren wissen, dass früh entdeckter Hautkrebs in aller Regel deutlich besser und oft vollständig behandelbar ist.
In Deutschland erhalten jedes Jahr rund eine halbe Million Menschen die Diagnose Krebs. Ein erheblicher Teil davon betrifft die Haut: Schwarzer Hautkrebs (malignes Melanom) zählt mit über 25.000 neuen Fällen jährlich zu den häufigeren Tumorarten. Der sogenannte ‚weiße‘ Hautkrebs ist sogar die häufigste Krebsform überhaupt mit deutlich über 200.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Jedes verspätet erkannte Melanom bedeutet ein hohes Risiko für Metastasen, belastende Therapien und im schlimmsten Fall den Tod. Das sind ganz reale Menschenleben, keine abstrakten Statistikpositionen.
Bisher können gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren aus eigenem Antrieb alle zwei Jahre ein kostenfreies Hautkrebs‑Screening in Anspruch nehmen. Diese niedrigschwellige Vorsorge ist entscheidend: Studien zeigen, dass Teilnehmende an solchen Programmen eine deutlich niedrigere Sterblichkeit und weniger Metastasen aufweisen als Menschen ohne Screening. Wenn künftig erst der Verdacht einer bereits sichtbaren Veränderung beim Hausarzt Voraussetzung für eine Überweisung sein soll, ist das keine Vorsorge mehr, sondern die Diagnose einer womöglich schweren, oft schon fortgeschrittenen Erkrankung. Die Indikation wird nun zur Diagnose. Wer so die Schranken hochzieht, spart vielleicht kurzfristig in irgendeiner Excel‑Tabelle Geld, aber erkauft sich das mit mehr Spätstadien, mehr Leid und am Ende auch gesichert höheren Behandlungskosten.
Das ist nichts anderes als kalter Sozialdarwinismus. Wir brauchen eine wirkliche Solidargemeinschaft, eine, die ihren Namen verdient. Statt eines Flickenteppichs von knapp hundert gesetzlich ‚konkurrierenden‘ Krankenkassen, die Marketing, Boni und Verwaltung aufblähen, brauchen wir ein einheitliches, staatliches Versicherungssystem für alle. Heute gibt es in Deutschland rund 95 gesetzliche Krankenkassen. Das ist bürokratischer Irrsinn, der Geld frisst, das in die Versorgung gehört.
Alle müssen einzahlen: Schluss mit der Zwei‑Klassen‑Medizin. Private Krankenversicherungen müssen in ein solidarisches, staatliches Versicherungssystem überführt werden, in dem sich Beiträge nach Leistungsfähigkeit richten und Leistungen nach Bedarf gewährt werden. Niemand soll Angst haben müssen, dass eine potenziell tödliche Erkrankung wie Hautkrebs zu spät erkannt wird, weil irgendwo ein Controller auf seine Excel‑Tabelle starrt und den Rotstift ansetzt.
Gesundheit ist kein Geschäftsmodell, sondern ein Grundrecht. Ein System, das beim Hautkrebs lieber spart als vorsorgt, hat die Orientierung verloren und disqualifiziert sich selbst. Danke für nichts! Dieses System gehört grundlegend reformiert, bevor noch mehr Menschen den Preis für die Profite anderer zahlen.“
