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Dr. Wolfgang Weiß: Entwicklung der Mink-, Marderhund- und Waschbär-Population in Mecklenburg-Vorpommern

Sehr geehrte Frau Präsidentin,

meine Damen und Herren,

die heutige Debatte könnte mit 2 Zeilen aus Goethes Zauberlehrling zusammengefasst werden: „Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.“ – Es könnte aber auch sein, dass die Tagesordnungen der Plenarsitzungen bis zum Ende der Legislaturperiode mit jeweils einer anderen Tier- oder Pflanzenart angereichert werden, die in der Neuzeit eingewandert sind, ausgesetzt oder eingeschleppt wurden.

Neben Waschbär, Marderhund und Mink könnte man ja auch mal über die Chinesische Wollhandkrabbe, die Biberratte, die Bisamratte, das Kanadische Grauhörnchen, den Halsbandsittich, die Gartenameise, die Körbchenmuschel, den Ochsenfrosch und die Pazifische Auster reden.

Vielleicht zeigen aber auch einige Kollegen Interesse an der Rippenqualle, an der Asiatischen Tiegermücke, der Zitterspinne, der Kräuseljagdspinne, am Asiatischen Marienkäfer, der Afrikanischen Nilgans oder den Asiatischen Karpfen? Dann sollten wir aber auch den Mut aufbringen, uns noch einmal dem Nandu zu stellen, um den Jagdfasan, den Dammhirsch, die Gottesanbeterin, den Sikahirsch, das Mufflon, die Rosskastanienminiermotte, den Waschbärspulwurm und den Holzbohrwurm nicht zu vergessen – wie auch ca. 10 Prozent der heute hier vorkommenden Pflanzenarten wie Ambrosia und Riesen-Bärenklau. Die Aufzählung ließe sich durchaus erweitern.

Das würde aber dem Ernst der Probleme nicht gerecht, die wir zunehmend mit Neozoen oder Neophyten haben, für die heute drei invasive Tierarten stellvertretend herhalten müssen. Als invasiv gelten allochthone Arten, welche die autochthone Biodiversität gefährden.

In Deutschland rechnet man dazu ca. 300 Arten, invasive Pflanzen nicht gezählt. Dabei gibt es auch Gefahren für die menschliche Gesundheit, über die wir viel zu selten reden.

Die Entwicklung wird durch den industriell beschleunigten, menschengemachten Klimawandel, die Globalisierung mit weltweitem Austausch von Waren und Gütern sowie durch den Tourismus begünstigt, aber auch durch Unkenntnis, Fahrlässigkeit und mit Blick auf den Tierschutz durch kriminelles Handeln. Ich halte das alles für höchst gefährlich.

Neben Tieren und Pflanzen, die unbeabsichtigt durch Transporte und zufällig als Blinde Passagiere mitgebracht wurden, gibt es eben jene, die der Mensch mit Absicht aus einem fremden Gebiet in ein anderes Ökosystem bringt.

Dies scheint eine der größten Herausforderungen für unsere heimische Flora und Fauna zu sein. Hier sind aber nicht nur die Politik und die Verwaltung gefragt.

Eigentlich sollen Exoten, also gebietsfremde Arten, nicht in die freie Natur gelangen. So steht es jedenfalls im Bundes-Naturschutzgesetz. Wer sein lästig gewordenes Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk in die Freiheit entlässt, egal ob Fisch oder Schlange, muss mit einem Strafverfahren rechnen. Allerdings – dass jemand dabei erwischt wird, ist eher unwahrscheinlich.

Der Mink oder Amerikanische Nerz ist sicher so ein Fall. Auch er gelangte nicht durch Zufall nach Deutschland. Er wurde in den 30er-Jahren als Pelzlieferant eingeführt. Als Gefangenschaftsflüchtling aus Pelztierfarmen ist er seit den 1950er-Jahren mittlerweile in fast ganz Europa heimisch. Die Art allein in Deutschland zu bekämpfen, würde wenig Sinn machen. Das Tier ist großräumig etabliert und würde etwa über Polen sofort wieder einwandern.

Ähnliches ist über den Waschbären zu sagen, der als niedliches Knuddeltier für ein gutbürgerliches Zuhause eingeführt wurde. Bei Wikipedia wird die Geschichte ausführlich beschrieben (ich zitiere): „Das für die Verbreitung des Waschbären in Europa wichtigste Ereignis war das Aussetzen von zwei Waschbärpaaren am 12. April 1934 am hessischen Edersee.“ Nach Auflistung der beteiligten Personen wird das vermeintliche Motiv genannt: „um dadurch >>die heimische Fauna zu bereichern<<“. Zitat weiter:

„Obwohl es schon vorher ein paar Ansiedlungsversuche gegeben hatte, war nur dieser erfolgreich.1956 wurde der Bestand in Deutschland [gemeint ist die ehemalige BRD; es wird auf eine alte Quelle Bezug genommen] auf 285 Tiere geschätzt, 1970 auf etwa 20.000 Tiere und im Jahr 2005 auf eine niedrige bis mittlere sechsstellige Zahl. Der Ausbruch von etwa zwei Dutzend Waschbären nach einem Bombentreffer auf ein Waschbärgehege in Wolfshagen bei Strausberg in Brandenburg im Jahre 1945 führte zu einem weiteren Verbreitungsgebiet.“ Zitat Ende.

Beide Populationen stellen übrigens genetische Flaschenhälse dar, die für die Forschung höchst interessant sind.

Beim Marderhund hingegen haben wir die Bequemlichkeit russischer Pelztierjäger auszubaden, die schon vor dem 2. Weltkrieg rund 10.000 Tiere in der Ukraine ansiedelten, um sich den Weg ins ferne Sibirien zu ersparen. Im Krieg geriet die Population außer Kontrolle. 1931 gab es dann die ersten Marderhunde in Finnland, 1951 in Rumänien und 1955 in Polen. Seit 1960 breitet er sich in Deutschland aus.

Nach so viel Problemaufriss komme ich nun doch noch zum vorliegenden Antrag. Da kann ich es kurz machen. Eigentlich hätte es gereicht, diesen Antrag zur Selbstbefassung im Agrarausschuss zu stellen. Ich hoffe, da landet er auch, damit wir nicht mehrmals das gesamte Hohe Haus ständig mit solchen konkreten Einzelproblemen befassen müssen. Meine Fraktion könnte sich durchaus vorstellen, zur Problematik der Neozoen und Neophyten eine öffentliche Anhörung stattfinden zulassen, um die Problematik zu vertiefen und den Punkt II. des Antrags zu erfüllen.

Wir stimmen dem Antrag zu.


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Claudia Schreyer
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