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24. September 2009 Rede, Torsten Koplin

Torsten Koplin

Beratung des Antrages der Fraktion DIE LINKE: Förderung eines flächendeckenden Angebots der Freien Theater in M-V - EINBRINGUNG

Wir befinden uns ja in der Diskussion zum Entwurf für einen neuen Landeshaushalt. Zumindest den kulturpolitischen SprecherInnen der Fraktionen müsste aufgefallen sein, dass bei der Kulturförderung des Landes, speziell im Kapitel 0718 Maßnahmegruppe 2 Titel 633.07 und 684.07 z. T. deutliche Minderausgaben, sprich Kürzungen vorgesehen sind.

Dazu gehört auch der Bereich Darstellende Kunst, aus dem das für Kultur zuständige Ministerium unter anderem auch Projekte für Freie Theater fördert. Wenn in diesem Jahr dort noch 7 T€ veranschlagt sind, sollen es in den nächsten Jahren noch 6, 7 und 6,5 T€ sein. Wer meint, das sei doch eine ganz moderate Kürzung, verkennt, dass die AntragstellerInnen in sehr vielen Fällen auf jeden Euro Förderung angewiesen sind.

Sicher, Freie Theater können auch aus anderen Töpfen die eine oder andere Förderung erfahren. Alles in allem aber sind diese Mittelansätze i.d.R. dürftig und beschämend.

Sehr aufschlussreich übrigens, dass das Haus Tesch entweder selbst nicht recht weiß, welche Förderungsmöglichkeiten für Freie Theater bestehen oder aber es wollte mich hinters Licht führen. Denn während es auf meine Kleine Anfrage auf Drucksache 5/2672 darauf verweist, dass Projekte Freier Theater (Zitat) „im Rahmen zahlreicher Förderrichtlinien anderer Ressorts der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern bezuschusst werden“ (Zitatende), sind es auf meine Kleine Anfrage auf Drucksache 5/2747 nur noch zwei Ressorts: das für Kultur zuständige und das Sozialministerium.

Wenn ich auf die anhaltend aktuelle Debatte um Umstrukturierungen der Landschaft der festen Theater verweise, wird deutlich, dass Kultur im politischen Handeln der regierenden Koalition einen nur niedrigen Stellenwert besitzt. Statt Umdenken, Kreativität, Visionen auch bei Planungen wird Kultur bloß verwaltet – und das nun schon drei Jahre lang.

Dringendes Handeln? Fehlanzeige.

Dabei ist es auch für den Bereich der Freien Theater in unserem Bundesland unübersehbar. Meine Fraktion hat gemeinsam mit dem Landesverband der Freien Theater M-V e. V. überprüft, wie es um eine flächendeckende Versorgung mit Freien Theatern, der Freie Tanzbereich immer mitgedacht, im Land aussieht, und damit in einem großen Teil der Basiskultur, insbesondere im Kindertheater –Bereich.

Der Befund weist eine alarmierende, ja dramatische Entwicklung auf. Es gibt inzwischen Regionen, die in Bezug auf Theaterangebote vernachlässigt oder schon komplett abgekoppelt worden sind.

Aus unserem Antrag wissen Sie, dass es sich unter anderem um Regionen der Landkreise Uecker-Randow, Mecklenburg-Strelitz, Müritz, Demmin, Parchim, Ludwigslust und Güstrow handelt. Dass sich gerade dort verstärkt rechtsextreme Gruppen betätigen, macht einen Zusammenhang deutlich. Mit Ausrufezeichen verweise ich Sie darauf!

Insbesondere die Kinder, die nachwachsende Generation im ländlichen Bereich erhalten kaum noch Zugangsmöglichkeiten zum Theater, was absehbar zu einer unterschiedlichen Bildungsintensität zwischen Stadt und Land führt, Bildung verstanden in ihrer emotionalen und ihrer intellektuellen Funktion.

Eine angemessene Versorgung mit Theater finden wir nur noch in den großen Städten.

Der Schwerpunkt der Angebote liegt in den touristischen Hochburgen. Anders ausgedrückt: Im Vergleich zu den Tourismus-Angeboten haben die Kultur-Angebote für die EinwohnerInnen einen geringeren Stellenwert.  Wie aber, so fragen VertreterInnen der Freien Theater, sollen sich kreative Menschen und ein gesundes Selbstbewusstsein in einem Bundesland entwickeln, das sich anscheinend entschieden hat, sich schwerpunktmäßig nach außen zu orientieren und die Anstrengungen noch innen zu vernachlässigen?

Freie Theater, das meint Tanz, Sprech- und Musiktheater, Performance, Figurentheater, LiveArt, Mischformen etc. und bei uns besonders der Bereich Kinder- und Puppentheater.

Freie Theater, das meint eine Vielfalt von Ausdrucksformen, Darstellungsmöglichkeiten, Experimentierfreude. Das meint auch eine Vielzahl unterschiedlichster Spielorte, wie Kitas, Schulen, Büchereien, Kulturzentren etc.

Meine Damen und Herren,

es bedarf einer politischen Grundsatz-Entscheidung: Wollen wir Theater im ländlichen Raum – flächendeckend, in seiner ganzen Bandbreite? Oder soll es eine klare Entscheidung geben, die  Menschen im ländlichen Raum mehr und mehr vom kulturellen Leben abzukoppeln?

Wenn wir die zweite Frage verneinen, bedeutet das, den KulturanbieterInnen vor Ort den Rücken zu stärken, ihre Arbeits- und Wirkungsbedingungen deutlich zu verbessern. Denn unter anderem haben wir derzeit eine Situation, in der sowohl die Freien Theater als auch die KünstlerInnen gern miteinander kooperieren wollen, das aber aus finanziellen Gründen oft genug nicht mehr realisieren können. Denn das jährliche künstlerische Nettoeinkommen ist mit durchschnittlich ca. 11.500 Euro außerordentlich niedrig angesiedelt, zumal wenn berücksichtigt wird, dass sehr viele Betroffene eine akademische Ausbildung durchlaufen haben. Das trifft auch auf die KünstlerInnen in den 19 Theatern zu, die sich im Landesverband der Freien Theater zusammengefunden haben und auf weitere darüber hinaus.

Finanzielle  Unsicherheit, fehlende Planungssicherheit, fehlende soziale Absicherung, mangelnde Unterstützung durch Medien und – das betone ich – durch Politik. Grundsätzlich sind diese KünstlerInnen im Vergleich zu früher unzufriedener mit ihrer wirtschaftlichen Lage, ihrer beruflichen Situation und nicht zuletzt mit ihrem Ansehen in unserer Gesellschaft. Es ist unzumutbar, dass der Bereich der Freien Theater immer noch als „Sonderform“ des Theaterbetriebs angesehen und auch so z. B. in der Förderpolitik des Landes und vieler Kommunen behandelt wird.

Aufgrund der mangelnden Förderung sind immer mehr Freie Theater nicht in der Lage, ganzjährig aufzutreten, obwohl sie mit interessanten und wertvollen Produktionen dazu in der Lage wären. Die Folge ist immer wieder ein Abgleiten in die Erwerbslosigkeit. Das muss sich ändern!

Angesichts der hohen Qualifikationen dieser Berufsgruppe sind Überlegungen erforderlich, wie man diese Gruppe mit ihrem spezifischen Know-how in der Zeit zwischen zwei Engagements in anderen themenverwandten Bereichen einsetzen bzw. vermitteln kann, so dass sie nicht auf Sozialhilfe angewiesen sind, z. B. in kunstnahen Bereichen, in denen schon jetzt KünstlerInnen Nebeneinkünfte erzielen, wie in Seminaren, pädagogischer Vermittlung, künstlerisch-kreativen Lerntätigkeiten oder bei Rundfunk und Film oder im breiten Feld der kulturellen Bildung. Das Einrichten einer Vermittlungsbörse bietet sich dafür an.

Mit ihrem Antrag hat Ihnen die Fraktion DIE LINKE „Grundaussagen zur Förderung eines flächendeckenden Angebotes der Freien Theater in Mecklenburg-Vorpommern“ vorgelegt, die der Erarbeitung einer Konzeption zur weiteren Entwicklung dieser Theater zugrunde gelegt werden sollen. Damit drängen wir auf eine veränderte Förderung durch das Land.

Flächendeckende bezahlbare Angebote müssen ermöglicht werden – nicht als Selbstzweck, sondern auch als ein Erfordernis der Entwicklung von jungen Menschen. Die Vorsitzende des Landesverbandes Freier Theater, Frau Kiehn, sagte mir, wenn ihr Kinder nach der Vorstellung sagen, dass das soeben ein „toller Film“ gewesen sei, dann wisse sie, dass die zum ersten Mal im Theater seien. Bekannt sei aber, dass sich gerade bis zum Alter von 14 Jahren das Sensorium entwickle, sich mit Kultur, mit Fantasie und Realität auseinanderzusetzen – oder eben nicht.

Nicht nut eine sinnvolle, sondern – so im Punkt 3 unseres Antrages – eine sofortige Maßnahme, die ergriffen werden muss, ist eine verbesserte Auftrittsförderung. Die Theater sollen aus einem dafür vorgesehenen Etat pro Vorstellung einen Zuschuss erhalten, insbesondere kleinere, d. h. finanziell nicht so gut ausgestattete VeranstalterInnen, also auch Gemeinden, die die Vorstellungen dann kostengünstiger anbieten könnten.

Veranstaltungen könnten regelmäßiger und häufiger durchgeführt werden. Die nicht einfache ehrenamtliche Arbeit in Vereinen wäre nicht noch mit einem finanziellen Risiko belastet.

Die mobilen Theater und SolistInnen haben immer öfter längere Anfahrtswege zu Spielorten zu meistern. Allein die Fahrkosten verschlingen einen Großteil der Gagen. Häufigere Übernachtungskosten kommen hinzu. Eine realistische Unterstützung wäre eine Summe von 200 Euro pro Vorstellung. Ausgehend von den gegenwärtigen Vorstellungs-Anfragen, die aus finanziellen Gründen nicht realisiert werden können, ist es notwendig, diese Unterstützung für derzeit etwa 200 Vorstellungen zu kalkulieren.

Mit der so erreichten Gesamtsumme von 40 T€ wäre es weiterhin möglich, in ganz Mecklenburg-Vorpommern und vor allem im ländlichen Raum Theater für Kinder und Jugendliche anzubieten. Und diese doch eher geringe Summe ist mit Sicherheit „aufzutreiben“ und in den Landeshaushalt für jeweils 2010 und 2011 einzustellen.

Es ist sehr oft so, dass Produktionen erarbeitet und einstudiert, in der eigenen Stadt und ihrer nächsten Umgebung erfolgreich aufgeführt werden, aber das darüber hinaus nicht möglich ist. Das ist nicht nur unökonomisch, sondern auch künstlerisch nicht befriedigend.

So, wie auf nationaler Ebene das Nationale Performance-Netz für vergleichbare Fälle (dort geht es um einen Austausch von Gastspielen von Freien Theaterproduktionen) oder der Fonds Darstellende Künste Abhilfe geschaffen werden kann, sollte ein Aufführförderungsfonds des Landes eingerichtet werden.

Wie Sie unserem Antrag entnehmen können, sollen bei der Erarbeitung einer Konzeption durch die Landesregierung zur weiteren Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Freien Theater und SolistInnen Überlegungen diskutiert werden, wie es gelingen kann, dass alle theaterrelevanten Kosten förderbar sind. Anderenorts gibt es da durchaus so genannte Best-Practice-Beispiele, so in Niedersachsen, München oder Zürich.

Insbesondere Niedersachsen hat ein vorbildliches Ineinandergreifen der verschiedenen Förderebenen von Landesregierung, Bezirksregierung bzw. Landschaften und Kommunen sowie Lottomitteln. Alle Fördermodelle basieren auf einer erheblichen Zuwendungssumme, die gleichzeitig auch überdurchschnittlich erfolgreiche Ergebnisse der Praxis hervorbringen. Es gibt eine Differenzierung des Antragsverfahrens und Zielvereinbarungen für die Förderung. Durch den Einsatz eines Fachbeirates oder einer Fachjury, die über Anträge entscheiden, kann auf eine starre Antragsfrist verzichtet werden.

So wie in unseren „Grundaussagen …“ umrissen, sollen die verschiedenen Förderinstrumente einander ergänzen können.

Diese Förderungen sollen auch nicht auf das laufende Haushaltsjahr begrenzt werden, sondern über zwei, drei oder fünf Jahre laufen können, so eine Spielstätten-, Ensemble-, Konzeptions-, Initiative- und natürlich Projektförderung. Aber auch eine Förderung des jährlichen Festivals, das bei uns im Land Anfang des Jahres stattfindet.

Noch gibt es den unhaltbaren Zustand, dass, da die Fördermittel erst danach ausgereicht werden, die Freien Theater bzw. KünstlerInnen in Vorkasse, nicht selten mit der Aufnahme eines Privatkredits, gehen müssen.

Ermöglicht werden muss nun endlich auch die Finanzierung einer hauptamtlichen Geschäftsführerstelle für den Landesverband Freie Theater. Warum soll das, was in Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt durch die öffentliche Hand möglich gemacht wird, bei uns nicht möglich sein?

Die Aufgaben, die eine Geschäftsführerin oder ein Geschäftsführer zu erledigen hat, sind außerordentlich umfangreich. Wir haben sie in unseren „Grundaussagen…“ im Punkt 4.2 benannt.

Für eine ehrenamtliche Person bedeutet das eine Überforderung, zumal, wenn sie selbst künstlerisch aktiv ist. Eine Professionalisierung kommt den Freien Theatern und damit den Menschen im Land zugute.

Dazu gehören auch Fragen einer kontinuierlichen Zusammenarbeit zwischen Freien Theatern und Schulen. Kinder- und Jugendtheater sowie Theaterpädagogik ist einer der Schwerpunkte Freien Theaters. In einigen Bundesländern sind dadurch doppelt so viele ZuschauerInnen und Aufführungen zu konstatieren wie bei den öffentlichen Bühnen. Künstlerische Arbeit mit Kindern hat ein sehr großes Potential. Freie Theater erarbeiten kontinuierlich moderne, zielgruppenorientierte Produktionen mit aktuellen Inhalten und zeitgemäßen Präsentationsforen. Stetige Weiterbildung, Vernetzung und Austausch sowie kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Schulen auch bei der Unterrichtsgestaltung sind für Freie Kinder- und JugendtheatermacherInnen an der Tagesordnung. Das ist mehr als „nur“ Unterhaltung, sondern vielmehr wesentlicher, identitätsstiftender Anteil der Bildungsarbeit. –

Eine große Herausforderung, die Land und Kommunen spürbar besser fördern und unterstützen müssen.

Kultur ist viel, viel mehr als bloße ökonomische Relevanz. Das bitte ich alle KollegInnen zu beherzigen, insbesondere die nun zu unserem Antrag reden werden. Und Sie sollten ihm Ihre Zustimmung nicht versagen.