Frau Präsidentin,meine Damen und Herren,
in der Septemberlandtagssitzung habe ich von dieser Stelle aus über die Auffassung meiner Fraktion zur Notwendigkeit sozialer Innovation gesprochen. Um es noch einmal kurz zusammengefasst zu sagen, heißt das für uns, die Verantwortung des Staates für die Daseinsvorsorge, darunter die soziokulturelle Infrastruktur zu stärken.
Ich möchte dafür gern ein Bild verwenden: Wenn wir uns unsere Gesellschaft als ein Haus vorstellen, dann geht es nicht nur darum, dass es auf festem Grund steht, dass das Dach dicht ist und die Hülle solide gebaut ist. Es muss uns besonders interessieren, wie die Menschen für die es gebaut ist, darin leben, wie sie miteinander umgehen. Ohne ein menschliches solidarisches Zusammenleben, bleibt das Haus nur Fassade.
Ganz besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge verdienen Kinder und Jugendliche. In erster Linie durch ihre Eltern, aber auch durch die Gesellschaft. Sogar in zunehmendem Maße durch die Gesellschaft. Und leider ist es so, dass hier einiges im Argen liegt, um nicht zu sagen, zum Himmel schreit.
Personaleinsparung, Kürzungen der freiwilligen Leistungen – das waren und sind die Stellschrauben, an denen die Kommunen in ihrer Not und genötigt durch das Innenministerium drehen – allerdings ohne auch nur annähernd ihr strukturelles Defizit abbauen zu können.
Das Ergebnis: Die soziokulturelle Infrastruktur geht den Bach runter.
Nicht zuletzt deshalb, fordern wir immer wieder, dass hier ein stabiler öffentlich geförderter Beschäftigungssektor als Teil des allgemeinen Arbeitsmarktes geschaffen werden muss.
Wenn wieder einmal ein Jugendlicher Amok läuft, Mitschülerinnen und Mitschüler bedroht oder gar ermordet, wenn Überfälle von Jugendlichen in den Medien thematisiert werden, gibt es regelmäßig den Ruf nach härteren Strafen, nach Überwachung, Polizeikontrollen.
Mehr Unterstützung für Kinder- und Jugendarbeit, mehr Unterstützung für den Breitensport, mehr altersgerechte Kulturarbeit, nicht zuletzt mehr Erzieherinnen und Erzieher und Lehrerinnen und Lehrer – das brauchen wir.
Die Defizite auf den Gebieten kann die Polizei - egal mit welchem Personalbestand- nicht ausbügeln. Und mehr Überwachungskameras oder noch strengere Strafen schaffen das erst recht nicht.
Die Fraktion DIE LINKE beantragt heute, die Landesregierung zu beauftragen, ein Projekt zur Schaffung von Trainer bzw. Vereinsmanagerstellen im Kinder- und Jugendbreitensport zu erarbeiten. Die Anlehnung an das Landesprogramm Jugend- und Schulsozialarbeit ist nicht zufällig. Im Gegenteil, wir haben bewusst darauf hingewiesen.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es damals, als wir diese Landesinitiative begannen, große Vorbehalte gab. Inzwischen ist sie nicht mehr umstritten. Die Wichtigkeit hat sich erwiesen. Und obwohl die Kommunen weder damals noch in den Folgejahren in keiner guten finanziellen Verfassung waren, wird der 50%ige Anteil bezahlt – eben weil es ein gutes Programm ist, dass den Kindern und Jugendlichen zu Gute kommt. Wir konnten damit dauerhafte Ansprechpartner schaffen. Und das ist es, was für Kinder und Jugendliche besonders wichtig ist.
Wir haben in vielen Anträgen hier im Haus betont, dass in allen Bereichen des soziokulturellen Lebens kompetentes verlässliches Personal und eine verlässliche Finanzierung notwendig sind. Beides kann über einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor erreicht werden.
Das Herangehen, diese Aufgaben vor allem über das Ehrenamt zu erfüllen, ist gescheitert. Die Strukturen brechen zusammen. Wir haben immer mehr arme Kinder und Jugendliche, die soziale und kulturelle Ausgrenzung erfahren. Damit muss Schluss sein.
Deshalb ist unser Vorschlag auch nicht in erster Linie ein beschäftigungspolitisches Programm. Es geht uns um die Kinder und Jugendlichen im Land.
In zahlreichen Studien wird aufgezeigt und beklagt, dass immer mehr Kinder und Jugendliche in Mecklenburg-Vorpommern zu dick sind, der regelmäßige Alkoholkonsum immer früher beginnt, die Disziplin immer mehr nachlässt, soziale Kompetenzen kaum noch vorhanden sind.
Regelmäßiges Sporttreiben in einem Verein ist ein ausgezeichnetes Mittel dagegen. Der Sport genießt eine hohe gesellschaftliche Anerkennung.
Unumstritten und wissenschaftlich belegt ist, dass insbesondere der Breitensport bei Kindern und Jugendlichen Gesundheitsbewusstsein fördert, zur sozialen Integration und zur Gewaltprävention beiträgt und insgesamt sozialpolitische Kompetenzen ausprägt. Wer sich in einem Verein sportlich betätigt, sitzt nicht mehr vor dem Fernseher oder spielt auch nicht Gewalt verherrlichende Spiele. Er und sie lernen auf gesunde Art sich durchzusetzen, nämlich durch Leistung. Hier erfahren Kinder und Jugendliche Anerkennung und sie haben Spaß, was auch nicht unwichtig ist. Sie lernen, dass eine Mannschaft mehr ist als eine Ansammlung von Individualisten. Man muss sich aufeinander verlassen können und kann sich auch für die Mitsportlerin und den Mitsportler über deren Erfolg freuen.
Das alles wissen Sie, meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen. Und bis hierher sind Sie sicher auch mit mir einer Meinung, dass das unbedingt zu fördern ist. Verbal wird dies auch von allen politischen Lagern so gesehen.
Nun haben wir aber die Situation, dass seit Jahren die Finanzierung des Vereinssports aber stagniert bzw. zurückgeht. Kinder- und Jugendsport ist ein pädagogischer Prozess, der Langfristigkeit und Kontinuität voraussetzt. Will man den Breitensport nachhaltig fördern, muss dies in erster Linie durch kompetentes und engagiertes Personal geschehen.
Die Unterstützung durch die Eltern ist wichtig. Ich will auch nicht dagegen sprechen, dass Eltern die Kinder und Jugendlichen bei Wettkämpfen begleiten und auch als Fahrdienst fungieren. Das wird auch so bleiben, wenn es gelingt, ein solches Stellenprogramm für Trainer und Vereinsmanager zu erarbeiten.
Aber ich betone es noch einmal: Ehrenamtlichkeit reicht dafür nicht aus. Deshalb wollen wir, dass für jeweils 300 Kinder und Jugendliche, die im Übungs- Trainings- und Wettkampfsystem stehen, ein hauptamtlicher Übungsleiter mit Managerqualitäten eingestellt wird. Das bedeutet, nicht jeder einzelne Verein muss einen solchen bekommen.
Abhängig von der Zahl der Kinder und Jugendlichen können sich auch zwei oder drei Vereine einen hauptamtlichen Übungsleiter schräg Strichstrich Manager teilen. Auf diese Weise, wollen wir sichern, dass die ländlichen Bereiche nicht vergessen werden. Denn dort findet man kaum Vereine in dieser Größenordnung.
Wir wollen dazu beitragen, dass in den ländlichen Bereichen weiter Angebote für eine sinnvolle Freizeitgestaltung von Kindern und Jugendlichen vorhanden sind. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Trainerinnen und Trainer, haben sehr verantwortungsvolle Aufgaben zu erfüllen. Sie erwirtschaften keine in der Kasse klingende Rendite. Aber die Gesellschaft, insbesondere die Kinder und Jugendlichen brauchen sie. Solche Jobs immer mehr dem Sparzwang zu opfern, macht aus einem Gemeinwesen eine Ansammlung von Anhängern von „Jeder ist sich selbst der Nächste“.
Auch der Sport hat versucht, den Rückzug des Staates auszugleichen, ganz einfach der Not gehorchend. Inzwischen ist aber eine Grenze erreicht, von der aus es nicht mehr weitergeht. Insbesondere die Notlage der kommunalen Haushalte sorgt dafür, dass die Kommunen ihre Zuschüsse kürzen, Vereine Gebühren für Hallen- und Stadienbenutzung zahlen müssen. Dieses Geld fehlt für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Deshalb stellen wir diesen Antrag. Wir erwarten nicht, dass ein solches Programm von heute auf morgen in vollem Umfang verwirklicht wird. Sie haben hoffentlich bemerkt, dass in unserem Antrag kein Zeitplan enthalten ist. Anfangen sollte die Landesregierung und das sofort.
Die Sportvereine, der Landessportbund, mit denen wir gesprochen haben, erwarten das.