zur Beratung des Antrages der Fraktionen der CDU und SPD: Frauengesundheit fördern - für eine geschlechtsspezifische Tabakprävention
Sehr geehrte Frau Präsidentin,
sehr geehrte Damen und Herren,
werte Kolleginnen und Kollegen der SPD und CDU,
Sie wollen, ich kürze es mal ab:
„effektivere Präventionsmaßnahmen für Frauen und Mädchen...,
um den frühen Einstieg in das Rauchen zu verhindern“ sowie Maßnahmen zur Erleichterung
des Ausstiegs speziell für das weibliche Geschlecht. Damit gehen Sie davon aus, dass Frauen
und Mädchen aus anderen Gründen zur Zigarette greifen und deshalb andere Maßnahmen
brauchen, als Jungen und Männer.
Sie begründen dies mit der gestiegenen Zahl der Raucherinnen in Ostdeutschland und einem
höheren Anteil junger Raucherinnen gegenüber Frauen in den alten Bundesländern und auch
gegenüber gleichaltrigen Männern.
Sie ziehen für Ihre Begründung Kennzahlen heran, von denen die aktuellsten aus dem Jahr
1999 stammen – das ist 10 Jahre her, meine Damen und Herren der Koalitionsfraktionen.
Dabei ist Ihnen entgangen, dass sich die Raucherquote sowohl bei männlichen als auch bei
weiblichen Jugendlichen von 2001 bis 2008 halbiert hat. Das zeigt der Bericht zur
Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahr 2008, der von
der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herausgegeben wurde.
Nach dem Anstieg jugendlicher Raucherinnen und Raucher in den neunziger Jahren, geht die
Zahl seit 2001 stark zurück. Das gilt für männliche und weibliche Konsumenten
gleichermaßen.
Während die Quote bei den männlichen Rauchern im Alter von 12 bis 17 Jahren von 27,2%
im Jahr 2001 auf 14,7% im Jahr 2008 gesunken ist, verringerte sich die Quote bei den
weiblichen Jugendlichen von 27,9% im Jahr 2001 auf 16,2% im Jahr 2008.
Die Raucherquote bei Jugendlichen insgesamt liegt derzeit bei 15,4% und ist somit
auf einem historischen Tiefstand angekommen.
Hätten Sie zudem die Ursachen, die zum Rauchen und in die Nikotinabhängigkeit führen,
berücksichtigt, dann wüssten Sie: Rauchen ist kein geschlechtsspezifisches Problem,
sondern ein gesellschaftliches. Die Ursachen und Wege in die Nikotinabhängigkeit
sind vielfältig und, wie viele Studien zeigen, eher durch die Determinanten Alter und sozialer
Status bestimmt, als durch das soziale Geschlecht.
Grundsätzlich ist es löblich, dass Sie den Bereich der Gesundheitsförderung auch aus der
Warte des Gender Mainstreaming in den Blick nehmen.
Schließlich ist im Koalitionsvertrag unter Punkt 254 festgeschrieben, dass die Belange von
Frauen und Männern in allen Politikbereichen zu berücksichtigen sind.
Frauen brauchen unter anderem aus physiologischen Gründen in vielen Fällen eine andere
Medizin als Männer und umgekehrt. Das zeigt der erste deutsche Bericht zur
Frauengesundheit des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Tatsächlich – und da stimme ich Ihnen zu – sind Frauen, die mit oralen Kontrazeptiva
verhüten und gleichzeitig rauchen besonders gefährdet. Ihr Risiko für Herz-Kreislauf-
Erkrankungen, insbesondere Thrombosen und Schlaganfälle ist deutlich höher als bei
Raucherinnen, die die Anti-Baby-Pille nicht einnehmen.
Aber – die Anti-Baby-Pille gibt es nur auf Rezept. Und jeder Gynäkologe ist verpflichtet,
seine Patientin zuvor über die Risiken im Zusammenhang mit dem Rauchen aufzuklären.
Bei all dem dürfen wir aber nicht vergessen, dass jeder Raucher bereits einem erhöhten Risiko
für Herz- Kreislauferkrankung ausgesetzt ist, auch Männer.
Sie müssen eingestehen, im Fall des Tabakkonsums ist eine geschlechterspezifische
Herangehensweise der völlig falsche Ansatz. Denn von den Risiken betroffen sind beide
Geschlechter. Zudem finden Frauen weder einen anderen Zugang zum Rauchen als Männer,
noch ist die Nikotinentwöhnung von geschlechterspezifischen Determinanten abhängig.
Das Suchtverhalten von jugendlichen und erwachsenen Raucherinnen und Rauchern ist unter
anderem auf Störungen des bio-psycho-sozialen Gleichgewichts – dem Gleichgewicht
zwischen Gesundheitszustand, seelischem Zustand und sozialer Einbindung –
zurückzuführen. Besonders gefährdet sind auch hier wieder Kinder und Jugendliche aus sozial
benachteiligten Familien und Erwachsene, die hinsichtlich ihrer sozialen Lage,
ihrer allgemeinen Lebensbedingungen und ihrer beruflichen Situation im Durchschnitt
höheren Belastungen ausgesetzt sind. Rauchen ist häufig eine Reaktion auf Stressbelastungen.
Die Aufklärung über die Gefahren des Rauchens muss weiterhin offensiv erfolgen und
insbesondere die Jugend erreichen, da die meisten Raucherkarrieren im Jugendalter beginnen.
Eltern müssen sich ihrer Vorbildfunktion und Verantwortung bewusst sein.
Wie ich dem Landesaktionsplan zur Gesundheitsförderung und Prävention des
Sozialministeriums Mecklenburg-Vorpommern aus dem Jahr 2008 entnehmen kann,
hat die Landesregierung die Gefahr des Einstiegs in die Nikotinanhängigkeit besonders im
Jugendalter und damit die Bedeutung der Gesundheitsförderung in Schulen doch erkannt.
Dabei stehen die Persönlichkeitsentwicklung, die aktive Zusammenarbeit mit den Eltern
sowie die Einbeziehung regionaler Partner im Mittelpunkt. Da sind wir einer Meinung.
Die meisten Raucherinnen sind vom Nikotin abhängig, sagen Sie. Ich frage: die männlichen
Raucher etwa nicht? Sie fordern Maßnahmen für einen erleichterten Ausstieg
für Raucherinnen. Warum nehmen Sie die Männer aus dem Fokus? Es ist richtig, die
Lungenkrebstodesfälle sind bei Frauen angestiegen, das zeigt auch der „Krebsatlas“ der
Bundesrepublik Deutschland, der die Entwicklungen für die letzten 55 Jahre wiedergibt.
Laut den Daten des Deutschen Krebsforschungsinstituts sterben mit 29.000 Personen jährlich,
jedoch mehr als doppelt so viele Männer an Lungenkrebs, als Frauen. Lungenkrebs ist immer
noch die häufigste Krebstodesursache bei Männern. Es wäre doch fatal, die Männer aus dem
Blick zu nehmen.
Sie sprechen die spezifischen Risiken für Raucherinnen an, speziell die
Gesundheitsgefährdung von Mutter und Kind während der Schwangerschaft und Stillzeit.
Das Rauchverhalten des Vaters, der neben Mutter und Kind sitzt und raucht, wird hier nicht in
Frage gestellt… Das ist wirklich sehr kurz gedacht.
Glauben Sie, der Tabak konsumierende Vater hat keinen Einfluss auf die Gesundheit von
Mutter und Kind? Es ist doch bewiesen, und das müssten Sie eigentlich auch wissen, dass
Passivrauchen mindestens genauso schädlich ist wie das aktive Rauchen.
Wenn Männer ihre schwangere oder stillende Partnerin zuqualmen, ist die
Gesundheitsgefährdung für Mutter und Kind ebenso groß. Deshalb ist hier keine
geschlechtersensible, sondern eine umfassende Herangehensweise, die für beide Geschlechter
von gleicher Qualität ist, notwendig.
Eine Geschlechterdifferenzierung halte ich hier sogar für fatal.
Die Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur
gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland zeigt, dass zielgruppenorientierte
Programme Wirkung zeigen. So zum Beispiel ein ärztliches Präventionsprogramm,
in dem Ärzte zum Zwecke einer besseren und effektiveren Beratung für Schwangere und
deren Partner – das muss ich hier betonen – zuvor speziell geschult wurden.
Wir alle wissen, der Suchtmittelkonsum ist eines der großen Probleme in Mecklenburg-
Vorpommern. In keinem anderen Bundesland gibt es so viele Raucher wie bei uns. Rauchen
begünstigt eine Reihe von Krankheiten, die zum Tode führen und dabei ist Rauchen doch ein
vermeidbares Gesundheitsrisiko. Ich empfehle Ihnen daher, einmal einen Blick in das
am 9. Juni 2008 erschienene „Nationale Aktionsprogramm zur Tabakprävention“ zu werfen,
das von der Facharbeitsgruppe „Suchtprävention“ im Auftrag des Drogen- und Suchtrates
erarbeitet wurde. Das Programm enthält Vorschläge für wirklich sinnvolle Maßnahmen gegen
das vermeidbare Gesundheitsrisiko Nr. 1, die kurz- oder mittelfristig umgesetzt werden
können. Das erscheint uns sinnvoller als Ihr Antrag, den wir deshalb ablehnen.