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Mitarbeiterin: Kristin Schröder
Da ich selbst Ende 1980 aus dem Irak nach Deutschland gekommen bin, weiß ich um die Probleme von Asylbewerberinnen und -bewerber. Wir sollten einander nicht in Angst und Vorurteilen begegnen, sondern eine Willkommenskultur schaffen, in der die Menschen offen aufeinander zu gehen können. Dafür will ich mich einsetzen. Zuwanderinnen und Zuwanderer sind eine Bereicherung für die Gesellschaft. Deshalb dürfen ihnen nicht länger Steine in den Weg gelegt werden, sie brauchen im Gegenteil unsere Unterstützung. Der Kampf gegen Hass, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit sollte Anliegen aller Demokratinnen und Demokraten sein. Ich bin bereit mit allen zusammenzuarbeiten, die für eine gerechte Zukunft unserer Kinder streiten, für Chancengerechtigkeit, Vielfalt und Toleranz – für eine Gesellschaft des Mit- und Füreinanders. Dazu gehört unbedingt eine lebendige Kultur als Grundstein der Demokratie.
Hikmat Al-Sabty setzt sich unbeirrt für Integration ein – aber nicht nur dafür
Mit der Musik Hikmat Al-Sabtys ist es wie mit der Person Hikmat Al-Sabty. Beides passt in keine Schublade. „Ourud elmahabbe“, auf Deutsch „Blumen der Liebe“, heißt das Ensemble aus vier Musikern, die aus Deutschland, Syrien und dem Irak stammen. Und ihre Lieder sind, ja wie? Traurig. Fröhlich. Rhythmisch. Sanft. Poetisch in jedem Fall. Der Oud, die arabische Laute Al-Sabtys, Cello und Bassgitarre harmonieren vortrefflich. Okzident und Orient, verwoben zu einem neuartigen Klangteppich. Fast eine Metapher für das Leben des gebürtigen Irakers, der sich inzwischen heimisch fühlt im Abendland. Ein Mann mit Migrationshintergrund und ein Paradebeispiel für Integration. Seit 2011 gehört der Rostocker dem Landtag Mecklenburg-Vorpommern an. Er ist Sprecher der Linksfraktion für Hochschulpolitik und – natürlich – für Migration. Im Parlament hält er Reden und mit selbstbewusstem Humor die Rechtsextremen in Schach, die ihn oft respektlos attackieren. Sein gelassenes „Ruhig, Brauner!“ in Richtung des NPD-Fraktionschefs ist längst zum geflügelten Wort geworden. Und neulich, in einer Debatte um eine neue Willkommenskultur im Land, bekannte sogar die Sozialministerin von der SPD-Konkurrenz: „Herr Al-Sabty, ich bin ein Fan von Ihnen!“.
Die Anerkennung, die ihm von nahezu allen Seiten entgegengebracht wird, hat sich der 1954 geborene Familienvater schwer erarbeitet. Stand doch schon der Beginn seiner Einwanderungsgeschichte unter keinem guten Stern. Damals, vor mehr als 30 Jahren, als er erstmals deutschen Boden betrat. Das war 1980, auf dem Ostberliner Flughafen Schönefeld. „Asyl?“, fragte der Grenzoffizier verständnislos. „Hier nicht“, fügte er hinzu und schickte den jungen Iraker auf die andere Seite der Mauer, nach Westberlin. „Dabei war die DDR für uns das Traumland schlechthin. Das beste Beispiel, dass der Sozialismus auf europäischen Boden funktioniert. Ich hatte im Irak nie etwas Schlechtes darüber gehört“, erinnert sich Al-Sabty heute mit Schmunzeln. Damals freilich verstand er die Welt nicht mehr. Hatte er doch das Ziel seiner eiligen Flucht bewusst gewählt. „Eigentlich war ich mit meinem Bruder auf dem Weg in die Türkei, in den Urlaub.“ Da brach der Krieg aus mit dem verfeindeten Nachbarn Iran. Der Landwirtschafts-Student entscheidet, nicht zurückzukehren und den Kopf hinzuhalten für das Baath-Regime um Saddam Hussein. Der hatte gerade für das Verbot der Kommunistischen Partei gesorgt, mit der die Brüder sympathisierten. Beide entstammen einer wohlhabenden Goldschmiede-Familie. Die gehörte der religiösen Minderheit der Mandäer an, die „Johannes den Täufer“ als Propheten verehren. „Wir waren vielleicht 5 000 Leute im ganzen Land“, schätzt Al-Sabty. Eine Minderheit, die damals noch friedlich mit Moslems und auch mit Atheisten lebte. Der Bruder jedenfalls geht zurück in die südirakische Heimat, wird eingezogen und lässt drei Jahre später sein Leben an der Front.
Hikmat aber, gerade Mitte 20, findet sich in einer Unterkunft für Asylbewerber in der Eifel wieder. Er lernt die deutsche Sprache von einem Abiturienten, bewirbt sich an der Uni Göttingen, bekommt die Zusage für das agrarwissenschaftliche Diplom-Studium – und wird dennoch erst einmal abgeschoben. Er findet Aufnahme bei Freunden in Spanien, hält sich als Reinigungskraft über Wasser, heiratet eine spanische Lehrerin. Die Ehe geht in die Brüche und Al-Sabty wagt erneut einen Neustart in Deutschland. Diesmal mit mehr Glück. Auch, weil er hier 1984 die Liebe seines Lebens kennenlernt: Christa, die Jurastudentin aus Osnabrück. Er beendet sein Studium in Göttingen und promoviert über Tierernährung an der Universität in Bonn. Und dann landet er schließlich doch noch in Ostdeutschland. In Güstrow.
„Meine Frau fand dort Arbeit“, sagt Al-Sabty. Das war 1990 und die DDR inzwischen von der Landkarte verschwunden. Sein Sohn Samy wird in Güstrow geboren, Malik kommt 1995 zur Welt. Um beide kümmert sich der junge Vater im Erziehungsjahr. Da wohnt die Familie schon in Rostock, der Stadt, die gerade Deutschland mit den ausländerfeindlichen Ausschreitungen von Lichtenhagen erschüttert hat. Hikmat Al-Sabty bringt sich ein, zum Beispiel in der Initiative „Bunt statt Braun“, lernt dort auch künftige Musiker-Kollegen kennen, wird sachkundiger Bürger im Kulturausschuss der Bürgerschaft. Fühlt sich wohl in der Großstadt. Beruflich Fuß zu fassen, fällt ihm - inzwischen längst deutscher Staatsbürger – nicht leicht. Er schlägt sich durch als Pharmareferent und Döner-Verkäufer, arbeitet schließlich als selbständiger Übersetzer, unter anderem für das Rostocker Landgericht. Politisch hat er eine Heimat bei der Linken gefunden, deren Mitglied er seit 2007 ist. Für die Landtagswahl 2011 kandidiert er für seine Partei auf Platz 14 der Landesliste – und ist dann doch überrascht, als er den Sprung ins Plenum schafft. Vor allem die Kultur- und Integrationspolitik liegt ihm am Herzen und sein Engagement gegen den Krieg, den er noch immer verabscheut.
„Politik ist nichts für dich. Du bist zu freundlich“, hatten Freunde und Familie gewarnt, als er entschied, in die Politik zu gehen. „Ich bin hier und gebe mein Bestes“, sagt Hikmat Al-Sabty nach rund zwei Jahren Landtagserfahrung. Mit nordischer Zurückhaltung und unbeirrt freundlich.
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